LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
Logo LVR


Wort des Monats

Knäppken/Knäppchen

 

 

In der Familie des Redakteurs dieses Mitmachwörterbuchs gibt es ein geflügeltes Wort, wenn es um Essensreste geht: Dat Knäppken kricht die Omma. Damit wird noch heute an eine Marotte der leider schon lange verstorbenen Großmutter erinnert, die, wie wohl viele durch den Mangel der Kriegszeiten geprägte Großmütter, nichts Essbares wegwerfen konnte und am Tisch alle Reste, seien es abgschnittene Fettränder, Knochen oder eben die Knäppken einforderte, die sonst in der Abfalltonne gelandet wären.

Dem Kundigen fällt es damit leicht, die regionale Herkunft des Redakteurs einzugrenzen. Knäppken wird das Brotende nur nördlich von Düsseldorf entlang des Rheins und rechts davon genannt. Südlich davon heißt es Knäppchen. Oder eben ganz anders. Die mundartlichen Bezeichnungen für das Brotende sind nämlich genau so legendär wie die verschiedenen Benennungen der Beeren oder des Apfelrests. Hier weisen die - nicht nur rheinischen - Mundarten eine äußerst große Varianz auf. Und aus den Mundarten stammen eben alle die Bezeichungen, die noch heute in der rheinischen Umgangssprache verwendet werden: Knoosch, Knust, Knuuz, Knützjen, Knüstchen, Kürstje, Kaascht, Kösch, Koosch, Köschken, Körschken, Kanten, Rämmel oder eben Knäppchen, Knippchen oder Knäppken.

Koosch hat dabei die weiteste Verbreitung, man findet ihn am Niederrhein (neben dem schon erwähnten Knäppken), im zentralen Rheinland und in der Eifel. Auch wenn man es dem Wort nicht auf Anhieb ansieht, es ist ein Derivat der hochdeutschen "Kruste". Es ist entstanden durch die im Rheinland häufig zu beobachtende so genannte r-Metathese. So wird die Umstellung des r in einer Reihe von Wörtern genannt. Aus der Kruste wird danach die Kurste, die, ebenfalls eine typisch rheinische Erscheinung, in der gesprochenen Sprache das r ganz verliert und so zu Kuust oder eben Koosch/Kööschken wird (vergleiche Born/Brunnen oder auch englisch burn/deutsch brennen). Aber auch die Zwischenformen Kürstje und Körschken sind noch erhalten.

Besonders auffällig sind die vielen Wörter, die mit Kn- beginnen. Sie sind eher im zentralen und südlichen Rheinland zu hören und verweisen alle auf etwas Rundliches. (Vergleiche auch Knolle, Knopf, Knauf oder Knubbel). Die Varianten Knuuz, Knust usw. gehen z.B. auf mittelniederdeutsches "knuust" (Knolle) zurück (noch heute im niederländischen knuist (Faust) zu finden). Das Knüzchen ist eine Ableitung aus "Knorz/Knorren" (Astansatz), das sich wohl auf die Brotenden bezieht, die durch das Anbacken zweier nebeneinander liegender Brote entstehen.

Und schließlich unser Knäppchen/Knäppken und die südliche Variante Knippchen. Sie gehören zu einer großen Wortfamilie um Knapp (irgend etwas Knubbeliges), das sich in den Dialekten der angrenzenden Niederlande als knap wiederfindet und in den rheinischen Mundarten als Knabben/Knupp (dickes Stück) verbreitet ist. Wahrscheinlich ist auch unser hochdeutsches "knabbern" hier einzuordnen sowie der im Rheinland bekannte Orts- oder Flurname Knappsack. Der ist in den niederländischen oder niederdeutschen Mundarten ein Proviantbeutel für Menschen oder Tiere und geht auf eine Bedeutungsvariante von Knap zurück, die noch heute im Niederländischenzu hören ist: Mundvorrat.

Interessant ist auf jeden Fall, dass man im Rheinland kaum einmal die hochdeutschen Bezeichnungen "Brotanschnitt" oder "Brotende", sondern fast ausschließlich die alten mundartlichen Bezeichnungen hört. Die genaue regionale Verteilung der Varianten kann man sehr schön erruieren in:

Helmut Lausberg/Robert Möller: Rheinischer Wortatlas, Bonn 2000, Karte 13.