LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Wort des Monats

fieseln oder fiseln

 

Der Herbst ist im Rheinland Regenzeit. Die ist zwar ziemlich öde, dafür aber sprachlich interessant. Denn während das Standarddeutsche eigentlich nur ein Wort für "regnen" hat (und deshalb durch Adjektive differenzieren muss: leicht, stark, heftig regnen usw.), kennt die rheinische Umgangssprache dagegen gleich eine ganze Reihe von Verben, die mit Niederschlag zu tun haben: plästern, sicken, schiffen, trätschen, trötschen, pladdern, gallern, sopschen und fieseln/fisseln. Alle diese Wörter stammen aus den rheinischen oder gar westfälischen (gallern) Mundarten, die hier eine offensichtliche Lücke im standarddeutschen Wortschatz besetzen.

Zum Beispiel das Verb fieseln oder fiseln (im rheinischen Süden wird das Wort eher kurz und mit weichem "s" gesprochen, im Norden dagegen eher lang). Im Standarddeutschen gibt es dafür keine Entsprechung. Wenn es fieselt, dann regnet es ganz feine Bindfäden, die kaum als Regentropfen zu erkennen sind und für die es sich kaum lohnt, einen Regenschirm aufzuspannen. Wo hier die Standardsprache eine umständliche Umschreibung nötig macht, hat die Umgangssprache ein einziges treffendes Wort. Wenn es also fieselt, weiß jeder Rheinländer und jede Rheinländerin, welche Art von Regen gemeint ist.

Fieseln ist ein altes rheinisches Mundartwort, das einer großen Wortfamilie entstammt. Ein Fisel ist im Rheinischen ein kleines, ganz dünnes Fädchen, ein Gefisel ist dementsprechend eine Ansammlung von vielen lästigen Fiseln. Eine Fiselsarbeit ist deshalb auch eine lästige, äußerst fummelige und kleineteilige Angelegenheit. Wenn etwas fiselig ist, dann ist es faserig, zart oder sehr dünn. Man kann z.B. fiselige Haare haben, dann bekommt man da nur schwer Fassong rein - oder Babys haben ganz zarte Fiselshärchen auf ihren Armen.  Das Verb fiseln meint eigentlich die Tätigkeit des Zerrupfens, Zerfaserns oder Spaltens, z. B. beim Flachsherstellen oder beim Ordnen von Werg. Während diese Bedeutungen aus der rheinischen Alltagssprache immer mehr verschwinden, haben sich der Fieselregen und das dazugehörige Verb fieseln im rheinischen Sprachgebrauch gehalten, im Gegenteil scheinen sie sogar unverzichtbar zu sein zur Beschreibung dieses feinen Regens.

Woher das Mundartwort stammt, ist bislang unklar (wie bei vielen Mundartwörtern, die als Elemente ausschließlich gesprochener Sprache keine schriftliche Überlieferung haben). Der große Duden glaubt an Lautmalerei, was angesichts des "lautlosen" Nieselregens und des mundartlichen Bedeutungshorizonts wohl doch sehr spekulativ ist. Deshalb sei hier einmal mutig eine andere Herleitung zur Diskussion gestellt: Da die Grundbedeutung des Verbs fieseln/fiseln schließlich "spalten" und "teilen" ist, könnte ein Zusammenhang mit lateinisch fissio (das Spalten) und fissum (Part. zu findere "spalten") bestehen. Noch heute heißt die Kernspaltung im Englischen bekanntlich 'nuclear fission'. Das ist allerdings - zugegeben - ziemlich weit hergeholt