LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Wort des Monats

Ärm Dier    



Die haben das arme Dier...

Eins gleich vorweg: Die oft gestellte Frage, warum man im Rheinland „dat ärm Dier kricht/hät“, können nur die Rheinländer und Rheinländerinnen selbst beantworten. Die Sprachwissenschaft muss bei der Suche nach den Motiven für diese typisch rheinische und nur hier zu hörende Redewendung leider passen. Die Wendung ist in der Tat sehr ungewöhnlich, auch weil sie in der Umgangssprache in einer seltsamen Mischung aus Hochdeutsch und Mundart weiterlebt: „dat arme Dier kriegen“. 


Interessant ist sie aber vor allem deshalb, weil hier wieder einmal dem Standarddeutschen die Grenzen aufgezeigt werden. Denn wollte man jemanden beschreiben, der „et ärme Dier hät“, kommt man schnell ins Schwimmen: es ist irgendwie eine Mischung aus trübsinng sein, melancholisch sein, den „Moralischen“ haben oder einfach schlecht drauf sein. Im Rheinland weiß man aber stets genau, welche Stimmungslage gemeint ist, wenn jemand „bei useligen Wetter dat ärme Dier kricht“ oder still in der Ecke sitzt und gerade „dat ärme Dier hat“, weil er mit sich und der ganzen Welt hadert. Nur Auswärtige wundern sich, wieso jemand „ein armes Tier“ haben kann. Die Lautung belegt übrigens wieder einmal die sprachhistorische Verwandtschaft des Rheinlands mit den westlichen Nachbarn: Auch im Niederländischen heißt es dier (Tier) und im Englischen deer (Hirsch, Rotwild), während das Hochdeutsche den althochdeutschen t-Anlaut übernommen hat.