LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Wort des Monats

 Drickes

Im Rheinland müsste der eigentlich Drickes II heißen.

Eigentlich glauben die Kölner, dass der Drickes eine typisch kölsche Erscheinung sei. Schließlich war der Kölsche Drickes einmal ein Synonym für den Kölner an sich: „der lässige, arg gemütlich sich gebende, etwas urwüchsige, gutmütig gebliebene Kölsche…“ Nicht umsonst gab es auch nur in Köln den Begriff Drickestum, den der unsterbliche Adam Wrede in seinem Wörterbuch so erläutert: "„Das ureigene, urwüchsig bäuerlich schalkhafte kölnische Volkswesen mit seinem Hang zum Loß-mich-jon, zur Bequemlichkeit, wie es in den Teilen der Kölner Bevölkerung war und geblieben ist, die sich weniger oder gar nicht aufgeschlossen entwickelten." Gottseidank sei es damit inzwischen vorbei, denn "die heutige, stark fremdstämmig durchsetzte Kölner Bevölkerung ist nichts weniger als Drickestum, sie ist sehr regsam, unternehmenslustig, wagemutig, kaufmännisch veranlagt mit einem guten Schuss Sorglosigkeit u. viel Lebensfreude." 

Deshalb wird es die Kölner auch nicht stören, dass der Drickes nicht nur in Köln, sondern im ganzen Rheinland verbreitet ist. Besonders der stieve Drickes ist in der rheinischen Alltagssprache weit verbreitet als Bezeichnung für einen ungelenken, unsportlichen Mann, der selbst bei den harmlosesten Tätigkeiten eine lustige Figur macht und dem man deshalb bei Kopfsprungversuchen im Freibad mit Begeisterung zusieht. Außerdem kann ein stiever Drickes auch ein humorloser Langweiler sein, der von den modernen Zeiten noch nichts mitbekommen hat. 

Im Prinzip muss man sich wundern, wie der Drickes zu seinen negativen Attributen gekommen ist, weil ihn seine Geschichte eigentlich nicht dazu prädestiniert. Ganz im Gegenteil hätte er ein aufgeweckter Bursche sein müssen, wenn er denn in seinem Beruf erfolgreich hätte sein wollen. Denn der Drickes war, so wird im Internet erzählt, ursprünglich ein „Drickler“ oder „Triakler“. So hießen im Mittelalter jene fliegenden Händler, die das Wundermittel Theriak verkauften, das heute, glaubt man einschlägigen Internetforen, in gewissen Kreisen wieder sehr gefragt ist. Um dieses Theriak ranken sich die tollsten Legenden, mal ist es von Mithridates höchst persönlich erfunden, dann von Andromachus, dem legendären Leibarzt des Kaisers Nero oder von anderen berühmten antiken Ärzten wie Galenus oder Herophilus. Auch die Zusammensetzung ist je nach Überlieferung interessant bis märchenhaft, von zwölf bis zu sechshundert Ingredienzien werden vermutet, Opium und Vipernfleisch sind immer dabei. Das Theriak hat eine beeindruckende Karriere gemacht, von der Antike bis ins 19. Jahrhundert hat es in den verschiedensten Apotheken immer eine wichtige Rolle gespielt, nicht zuletzt wegen der aphrodisierenden Wirkung, die dem Allheilmittel zugeschrieben wird. Noch heute ist es Bestandteil des Schwedenbitters, der in der alternativen Medizin wieder Konjunktur hat.  

Bei einer so bewegten Geschichte ist es eigentlich schade, dass der Drickes „nur“ die mundartliche Kurzform für den Namen Heinrich (und manchmal für Dietrich) ist und rein gar nichts mit dem Wundermittel Theriak zu tun hat. Aber vielleicht birgt ja der Drickes im Sack, wie mancherorts im Rheinland eine einfache Mehl- und Fastenspeise genannt wird, noch eine ebenso schöne Legende, die noch zu entdecken ist.